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03.12.2021

1. Sitzung

»Wir brauchen Aufklärung und Gerechtigkeit«

Am 3. Dezember 2021 fand die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungs­ausschusses im hessischen Landtag zu dem rassistischen Mordanschlag in Hanau am 19. Februar 2020 statt. Eingesetzt wurde der Ausschuss auf Antrag der Fraktionen von SPD, LINKE und FDP. Dass der Ausschuss überhaupt zustande kam, musste von Angehörigen, Überlebenden und der Initiative 19. Februar Hanau erkämpft werden, da einige Parteien im hessischen Landtag ursprünglich keinen Untersuchungs­ausschuss zum Anschlag haben wollten. In der ersten Sitzung sprachen Vaska Zlateva, Hayrettin Saraçoğlu und Diana Sokoli, allesamt Angehörige der Ermordeten.

Ab 8.30 Uhr fand vor dem Eingang zum hessischen Landtag eine Kundgebung der Initiative 19. Februar Hanau statt, mit reger Beteiligung. Dort wurde an die Verstorbenen erinnert und Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen gefordert. Die Kundgebung lief den gesamten Tag über parallel zum Untersuchungs­ausschuss.

Um 9.14 Uhr eröffnete der Ausschussvorsitzende Marius Weiß (SPD) die Sitzung im Plenarsaal des hessischen Landtags und rief Vaska Zlateva, die Cousine des am 19. Februar ermordeten Kaloyan Velkov, als erste Zeugin des Ausschusses auf. Frau Zlateva nahm mit ihrem Zeug*innenbeistand Platz und der Ausschussvorsitzende belehrte sie als Zeugin. Auf seine Frage, ob sie direkt Fragen gestellt bekommen möchte oder vorher von sich aus etwas sagen möchte erklärte sie, dass sie zuerst ein Eingangsstatement verlesen möchte:

Wir geben im Folgenden die Eingangsstatements der Angehörigen möglichst ausführlich, basierend auf unserer Mitschrift wieder, müssen aber darauf hinweisen, dass es kein exaktes Wortprotokoll ist und es vereinzelt Abweichungen geben kann.

»Ich hatte gehofft, dass jemand kommt und nach uns sieht. Aber niemand ist gekommen« – Anhörung von Vaska Zlateva

»Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin die erste Cousine väterlicherseits von Kaloyan Velkov, der am 19. Februar 2020 ermordet wurde. Wir haben uns sehr nahe gestanden. In Deutschland war Kaloyan meine Familie und ich war seine Familie. Er hat mich Schwester genannt.

Wir haben im selben Haus in verschiedenen Stockwerken gewohnt, wir haben uns jeden Tag gesehen. Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft, den Job am Frankfurter Flughafen zu bekommen. Ich bin alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern.

Kaloyan ist nach Deutschland gekommen, weil ich schon hier war. Er wollte hier arbeiten, weil er eine Augenoperation für sein Kind bezahlen musste. Ich habe ihm erklärt, dass das Land hier ein ordentlicher Staat ist und dass er hier besser arbeiten kann als in unserem Staat. Nach einer Weile hat er meinen Vorschlag angenommen und ist hier hergekommen, um besser Geld verdienen zu können. Er ist lange als LKW Fahrer gefahren, viel gereist. Er ist auch in Länder gefahren, wo viele Anschläge passierten. Hier in Deutschland ist er einen Betonwagen einer deutschen Firma gefahren. Er ist jeden Tag zur Arbeit gegangen. Er hat auch einen Nebenjob gemacht, um ein bisschen mehr zu verdienen. In der Bar La Votre hat er auf Probe gearbeitet, zum ersten Mal. 50€ hat er auf die Hand bekommen. Am Abend des 19.2. hat er sich eine Pizza bestellt, von den 50€ hatte er noch 43,50€ in der Tasche.

Der 19. Februar war ein Mittwoch, was ist da passiert? Gegen 21.46 Uhr haben wir zuletzt miteinander telefoniert, da war er in der Bar. Wir haben darüber gesprochen, wo wir Samstagabend hingehen. Er hat gesagt, er bringt mir Zigaretten mit nach der Arbeit. Es wird sehr spät werden sagte er. Das Gespräch endete lachend, darüber wer am Samstag zahlen wird. Seine letzten Worten waren, dass er morgen früh aufstehen muss.

Um 0.12 Uhr hat mich ein Arbeitskollege vom Flughafen angerufen. Ich bin ans Telefon gegangen, und habe gefragt was los ist. Er meinte, acht Leute in Hanau sind erschossen worden, es ist schrecklich. Ich habe nicht so stark reagiert, weil es spät war. Ich meinte, er soll mir einen Link schicken um was es geht. Ich habe mir den Link angesehen, ich habe »Hanau«, »Shisha Bar« und »Arena Bar« gesehen. Ich habe ihn wieder angerufen. Er meinte schau ins Internet, im Internet steht alles. Ich habe dann versucht Kaloyan anzurufen, 20-mal. Habe ihm dann auf Messenger geschrieben. Niemand ist rangegangen. Da ich abends alleine war, habe ich die Kinder allein gelassen, habe ein Taxi gerufen und bin nach Hanau gefahren.

Es war schrecklich, viel Polizei und Krankenwagen waren da. Ich bin angekommen, viele Leute haben geschrien und haben geweint, »mein Gott was ist hier vorgefallen«. Ich habe mir gedacht, dass er nicht ans Telefon geht, weil er vielleicht festgenommen wurde und bei der Polizei ist. Ich bin zu dem ersten Polizisten gegangen und habe gefragt, ob es unter den Opfern auch Bulgaren gibt. Ich habe gesagt: »Mein Cousin ist da in der La Votre Bar.« Er meinte nein, es gibt nur einen Türken, den Besitzer der Shisha Bar. Ein anderer Polizist hat mich ignoriert. Dann kam eine Freundin von uns, wir haben zwei Stunden und mehr gewartet. Niemand hat uns Informationen gegeben. Während ich gewartet habe, haben Leute geweint, geschrienen, es war ein Chaos.

Gegen 4 Uhr habe ich einem Polizisten erneut erklärt, dass ich meinen Cousin suche. Er schickte mich zu einer Halle in Lamboy. Dort waren auch Krankenwagen und viele Menschen, ein Anblick wie in einem Horrorfilm. Ein Polizist wollte wissen wer ich bin und was ich will. Sie haben meinen Ausweis geprüft. Und er sagte: »Setzen Sie sich und warten Sie.« Von 4.30 bis 6.30 Uhr habe ich dagesessen und gewartet. Ich habe gewartet und gewartet.

Ich bin mir unsicher ob es 6 oder 6.30 Uhr war. Um diese Zeit kam ein Polizist mit einer Liste raus und er nannte Namen von neun Personen. Kaloyans Name war an vierter Stelle. Ich habe so etwas wie einen Schock erlebt. Der Anblick war fürchterlich. Alle Familien die dort waren haben geweint und geweint. Man hat uns eine Telefonnummer gegeben, bei der wir ab 8 Uhr in Offenbach anrufen können, um herauszufinden, wo sie die Toten hingebracht haben.

Von 8 bis 10 Uhr habe ich versucht anzurufen, aber ich konnte nicht durchgestellt werden. Wir mussten seine Mutter benachrichtigen. Wir sind alle heimgefahren, haben Bekannte angerufen. Ich habe an der Tür geklingelt von seiner Mutter, habe ihr gesagt, dass er verwundet ist und im Krankenhaus liegt. Ich konnte ihr nicht sagen, »dein Sohn ist gestorben«.

Wir haben sie mitgenommen und sind zurück nach Hanau gefahren. Ich bin zu einer Polizistin gegangen und habe ihr gesagt: »Ich muss meiner Tante sagen, dass mein Cousin tot ist. Ich kann das nicht alleine, ich brauche ihre Hilfe.« Die Polizistin war sehr nett, sie hat dann meiner Tante gesagt: »Im La Votre gibt es einen Toten.« und ich habe das für meine Tante übersetzt. Meine Tante hat einen Schock bekommen, hat geweint, im Internet gibt es auch ein Video mit uns zwei. Sie meinte, es kann nicht wahr sein, dass das passiert ist.

Wir sind zu zweit zurück nach Hause gefahren. Dann habe ich die Verwandten in Bulgarien informiert. Seine Ex-Frau, meine Eltern. Niemand hat das geglaubt. Sie meinten, das kann nicht sein, dass das passiert ist.

Es kam eine Polizistin fünf oder sechs Tage später. Ich hatte gehofft, dass jemand kommt und nach uns sieht. Aber niemand ist gekommen. Der Bürgermeister kam irgendwann, um sein Beileid mitzuteilen. Die Kriminalpolizistin und jemand vom Ausländerbeirat kamen. Uns wurde gesagt, wir sollten nach Mühlheim ins Leichenschauhaus gehen. Ich konnte das nicht, meine Tante ist rein gegangen. Sie hat ihn identifiziert. Sie war in einem Schockzustand, sie konnte nichts mehr machen.

Ich musste alles machen. Man hat uns gefragt, ob wir wollen, dass er in Deutschland bestattet wird. Wir wollten, dass er in Bulgarien bestattet wird. Ich habe dort den Mann vom Bestattungsinstitut gefragt, mit wie vielen Kugeln Kaloyan getötet wurde. Er meinte sechs.

Man hat die Überführung nach Bulgarien mit dem Flugzeug organisiert. Ich möchte sagen, dass Kaloyan als erster erschossen wurde und als letzter beerdigt wurde. Am 28.2. ging der Flug zur Überführung, Deutschland, Griechenland, Bulgarien. Menschen, Freunde, Angehörige, viele waren dort eingeschüchtert durch das, was in Deutschland passiert ist.

Ich musste wieder zurück nach Deutschland. Ich habe meine Arbeit verloren, weil ich krank geschrieben wurde, da hat man mich dann gekündigt. Ich bin alleine mit meinen Kindern. Frau B. aus Erlensee hat mich unterstützt. Nach einem Anruf hatte sie mir Aufmerksamkeit geschenkt. Sie hat einen Termin mit mir ausgemacht. 40 Tage habe ich bei einer Freundin übernachtet. Nach vier Monaten hatten wir eine Wohnung gefunden und ich einen Job. Viele Leute sagen mir, du hast doch jetzt eine Wohnung und einen Job bekommen. Aber ich habe keinen Cousin mehr. Davor hatte ich einen Cousin, einen besserer Job und auch eine Wohnung. Nach alledem muss ich meinen Kindern erklären, was vorgefallen ist, dass er ermordet wurde.

Kaloyan war ein guter Mensch, er machte keinen Unterschied zwischen den Menschen. Jetzt wird mir erst bewusst, dass er nicht mehr existiert. Unschuldige Menschen wurden ermordet von einem Deutschen, der psychisch krank war und eine Waffe hatte. Der Täter hat es im Netz angekündigt und sich dort entsprechend geäußert. Warum hat es niemand gemerkt? Warum haben Polizisten Fatih so lange am Boden liegen lassen?

Warum hat uns niemand geholfen? Warum wurden wir 6 Tage lang nicht informiert? Warum wurde nicht mit seinem Ausweis oder durch sein Auto schnell ermittelt wo er wohnt? Warum lädt man Migranten ein, wenn sie dann ermordet werden?

Ich habe mein Vertrauen verloren. Wir haben keine Antworten. Wäre ich nicht da gewesen wäre meine Tante alleine gewesen und sie kann gar kein Deutsch.

Ich möchte Gerechtigkeit und Wahrheit. In welchem Jahrhundert leben wir? Wir möchten, dass die Verantwortlichen Personen endlich Verantwortung übernehmen!

Ich danke ihnen ganz herzlich für ihre Zeit. Wenn sie Fragen haben, können sie diese nun gerne stellen.

Nach dem eindringlichen Eingangsstatement befragten zuerst der Ausschuss-Vorsitzende Marius Weiß und anschließend reihum die Obleute der Fraktionen Frau Zlateva. Fast alle sprachen ihr ausdrücklich und ausführlich ihr Beileid aus. Weiß fragte zuerst nach Details am Tatabend und zum Handeln der Polizei, worauf Frau Zlateva keine Antworten hatte und darauf verwies, dass sie hierüber nicht informiert wurden. Die nächsten Fragen drehten sich um Angebote von psychologischer und finanzieller Hilfe. Vaska Zlateva antwortete, dass ein Angebot durch psychologische Betreuung erst sechs Tage nach der Tat kam, als sie mit der Überführung nach Bulgarien beschäftigt waren und keine Zeit für Psychologen gehabt hätten. Finanzielle Hilfe habe sie nicht bekommen, außer dass ihr Flugticket zur Beerdigung bezahlt wurde. Auf Nachfrage betonte sie noch einmal, dass niemand sie oder jemanden aus ihrer Familie über die Obduktion im Vorfeld informiert oder gar um Erlaubnis gefragt hatte.

Als das Fragerecht durch die Fraktionen ging, hatte die CDU zuerst keine Fragen und drückte nur ihr Beileid aus. Die SPD-Obfrau Hofmann fragte, welche konkrete Hilfe sie vom Staat erwartet habe. Frau Zlateva betonte erneut, dass sie erwartet hätte, von den Behörden besser informiert zu werden, etwa am nächsten Tag oder vielleicht auch einen Tag später. Aber nicht fünf bis sechs Tage später, sie hatte schließlich der Polizei all ihre Kontaktinformationen gegeben. Sie hätte erwartet über eine Obduktion im Vorfeld informiert zu werden. Hätte man sie gefragt, hätte sie dies abgelehnt. Dass dem Leichnam ihres Cousins bei der Obduktion Gewebe entnommen wurde, erfuhr sie erst durch die Befragung im Untersuchungs­ausschuss.

Sowohl SPD als auch Grünen-Fraktion stellten weitere Nachfragen zu einzelnen Details. Der Obmann der AfD-Fraktion Gaw hatte keine Fragen, betonte aber, dass das Problem sei, dass ein »psychisch kranker Mensch« Waffen besitzen könne. Zur weiteren Motivlage des Täters schwieg er an dieser Stelle.

Die FDP stellte Nachfragen, ob Vaska Zlateva von den Behörden informiert wurde, dass sie über einen Anwalt Akteneinsicht nehmen könne. Sie antwortete, dass keiner von den Behörden sie informiert habe.

Auf Nachfrage der Fraktion der LINKEN berichtete Frau Zlateva erneut, wie schrecklich die Situation in der Halle in der Tatnacht gewesen sei, als alle Angehörige auf Informationen warteten. Niemand habe sich bei ihnen erkundigt, was sie bräuchten oder ob sie Hilfe benötigten.

Es folgten einige weitere kurze Nachfragen zu Details, aber ohne neue Erkenntnisse. Frau Zlateva sagte, sie verlasse sich auf den Rechtsstaat und die Justiz und auch dass man solche Taten nicht mehr zulässt. Sie möchte auch, dass die Menschen, die ihre Arbeit nicht richtig gemacht hätten, bestraft würden, sie möchte, dass sie sich entschuldigen. Mit den Worten: »Wir brauchen Aufklärung und Gerechtigkeit«, beendete sie ihre Aussage.

Im Anschluss fand von 11 bis 13 Uhr ein nicht-öffentlicher Teil der Sitzung ohne Zeug:innen statt.

»Es ist nicht nur unser Problem, es ist das Problem der ganzen BRD, der Ursprung liegt im Rassismus. Rassismus ist das Gift, das Menschlichkeit tötet.« – Anhörung von Hayrettin Saraçoğlu

Anmerkung: aufgrund der Verdolmetschung kam es bei der Vernehmung Hayrettin Saraçoğlus zu Missverständnissen und er machte nachträglich entsprechende Anmerkungen und Korrekturen zum Protokoll, die wir in der Folgenden Niederschrift eingearbeitet haben.

Um 13.05 Uhr wurde der öffentliche Teil mit dem Zeugen Hayrettin Saraçoğlu fortgesetzt. Der Bruder des am 19. Februar ermordeten Fatih Saraçoğlu, bat darum auf Türkisch aussagen zu können, während ein anwesender Dolmetscher übersetzt, aufgrund der Belastung und weil er sicher gehen wollte, dass er auch alle Fragen richtig verstehen konnte und ergänzt: »Ich werde Ihnen nur erzählen, wie ich erfahren habe, wie mein Bruder von einem Rassisten auf offener Straße erschossen wurde und wie die Obduktion ablief.«

»Wie ich davon erfahren habe, am Donnerstagmorgen, bin ich gerade aufgestanden. Ich wollte mich anziehen und zur Arbeit gehen. Es war der 20.2.2020, ich lebte in Regensburg. Ich wollte meinen Arbeitskollegen ablösen. Es war 9.23 Uhr, da habe ich einen Anruf erhalten, die Nummer war von meinem Bruder, es war aber Diana am Telefon. Ihre Stimme klang schrecklich, sie sagte: »Komm schnell hier her, nach Hanau, dein Bruder ist im Krankenhaus, er ist schwer verletzt, komm schnell hier her.« Ich fragte: »Lebt er?«, sie antwortete: »Ja«.

Ich habe meine Frau angerufen, sie hat mein Auto gebracht. Ich informierte meine Arbeit, sagte ich habe ein Notfall, ich muss nach Hanau fahren, das war okay. Ich habe meinen Vater angerufen, sagte:

»Mach dich schnell fertig, wir müssen nach Hanau.« Wir sind zu meinem Vater und dann mit ihm nach Hanau gefahren.

Unterwegs schrieb ich meinem Bruder Nachrichten auf sein Handy: »Ist alles in Ordnung?« Und Diana antwortete immer »komm schnell, komm schnell.« Ich wollte direkt zu ihm ins Krankenhaus, sollte aber zu einer anderen Adresse kommen. Zur Wohnung von Fatih.

Diana war dort und eine ältere unbekannte Frau, die ich nicht kannte. Ich sagte, ich möchte meinen Bruder sehen, man sagte zu mir: »Komm doch erst mal hoch«. Wir sind hoch gelaufen, meine Beine haben schon gezittert, ich habe mich schon gefragt, ist er etwa schon tot?

Mein Vater ging in ein anderes Zimmer. Ich und meine Ehefrau sind in die Küche, man hat die Tür zugemacht. Die ältere Frau meinte: »Dein Bruder ist tot«. Da habe ich all meine Kraft verloren, ich habe mich verloren. Mir ist schwarz vor Augen geworden, ich bin zu Boden gefallen, schreiend. Ich konnte es nicht glauben. Wir wussten nicht was passiert war.

Nun, so ging es weiter. In dem Moment hat meine Frau versucht mich zu trösten. Ich habe gemerkt, dass mein Vater nicht bei uns, sondern in einem anderen Raum war. Wir sind dann ins Wohnzimmer. Es gab Anrufe, es war ein Kommen und Gehen, ich wusste nicht was geschehen war. Dann ging der Fernseher an, es gab Nachrichten, es gab einen großen Terroranschlag in Hanau. Es wird gesprochen, jeder sagt etwas. Das ging tagelang so.

Ich frage ständig nach Fatih, wo ist sein Leichnam, was ist überhaupt mit ihm passiert? Was alles passiert ist wissen wir immer noch nicht, obwohl drei, vier Tage vergangen waren. Nach drei Tagen kamen Polizisten, sie sagten, wir haben Fatih. Sie sagten: Ihr kommt aus Bayern, wir wissen nicht genau, wir sind nicht zuständig für die Informationen, die sie haben wollen. Da habe ich mich gefragt ist Hessen ein anderes Land, ist es ein anderer Staat?

Wir haben einen Übernachtungsplatz gebraucht, haben eine Art Pension gefunden. Dort konnten wir dann die Tage schlafen.

Sie meinten am Samstag könnten wir kommen und Fatih sehen. Dann haben sie wieder abgesagt, dann hieß es Sonntag können wir Fatih sehen. Der Bestattungsfonds von DITIB hat uns beraten, sie sagten, dass wir nach der Waschung Fatih in den Sarg legen können. Nur durch sie hatten wir überhaupt Informationen bekommen, dass wir ihn beerdigen können. Sonst hatte ich von keiner Stelle die Information bekommen.

Stellen Sie sich vor, mein Vater war 76 Jahrealt, als er die Todesnachricht seines Sohns bekam. Er hätte einen Herzinfarkt bekommen können. Auch ich fühlte mich, als müsste ich in die Klinik eingewiesen werden, mein ganzer Blutdruck, alles war am Boden. Wir hätten einen Rettungswagen, ein Schockteam, einen Polizisten da gebraucht. Jemanden der sich kümmerte. Jemand der zuständig ist. Das alles mussten wir über meine Frau selbst regeln.

Da möchte ich eine Klammer machen. Meine Frau hatte die Verantwortung für die ganze Familie, meine Frau konnte diese Last nicht mehr tragen psychisch und physisch, sie kann nicht mehr. Sie sagte zu mir, sie hatte das Gefühl, sie kann entweder die Familie retten oder um den Schwager trauern. Diese Last war ihr zu viel, wir mussten uns trennen.

In unserer Kultur sind Onkel väterlicherseits gleichbedeutend mit einer Vaterfigur. Ich bin Vater von drei Kindern, meine Kinder haben nicht nur das Gefühl ihren Onkel, sondern auch ihren Vater verloren zu haben. Damit schließe ich wieder die Klammer.

Die meisten Informationen haben wir primär aus dem Fernsehen, dem Internet, den Medien und von Leuten, die vorbeikamen, bekommen.

Den Leichnam von Fatih haben wir gesehen. Da sind mein Vater und ich hin, dort war eine Art Abschied. Erst dort habe ich erfahren, dass mein Bruder eine Autopsie hatte. Bis zu diesen fünf bis sechs Tage hatte ich mich gefragt, wieso sie so lange warten, was wurde mit Leichnam gemacht? Wir wurden nicht gefragt, wir wurden nicht informiert. Die Obduktion hatte einfach ohne unser Wissen stattgefunden. Wir haben Fatih dann in der Türkei bei unserer Mutter begraben.

Ich möchte noch ein Vorfall erzählen. Bei Fatihs Autopsie, hat man ihm wohl Gewebeproben entnommen. Ich wurde gefragt, was wir damit machen wollen, »entweder wir verbrennen sie oder händigen sie Ihnen aus«. Wir sind in die Türkei geflogen. Es kam ein Paket an, ohne ein Schriftstück dazu. Es waren die Überreste von meinem Bruder. Ich hatte keine Informationen darüber, wusste nicht was ich damit machen soll. Ende September diesen Jahres kam es an. Ich habe es in die Türkei gebracht und in der Türkei habe ich dann die Reste meines Bruders beerdigt. Ich musste das alles alleine machen. Das psychisch zu schaffen war schwer, ich habe mich sehr einsam, allein gelassen damit gefühlt. Nun so war das mit meinem Bruder. So habe ich ihn verloren.«

Die Sitzung wurde anschließend für wenige Minuten unterbrochen, da Herr Saraçoğlu um eine Pause bat, aufgrund der emotionalen Belastung der Aussage. Danach folgte die Befragung durch den Ausschuss. Bevor die Befragung des Zeugens beginnen kann, ermahnte der Vorsitzende die Anwesenden, dass es auf Twitter keine Live-Berichterstattung geben sollte und verwies zum näheren Verständnis der zuvor gehörten Aussage auf Aktenhinweise der Generalbundesanwaltschaft, wonach Gewebeproben zurückgehalten wurden.

Außerdem bedankte sich der Vorsitzende für die eindrucksvollen und bewegenden Schilderungen des Zeugen und fragte zuerst nach Details zu den Gewebeproben. Auch dieser Zeuge wurde dann nach möglichen Hilfsangeboten gefragt. Herr Saraçoğlu berichtete, dass jemand vom Gesundheitsministerium aus Bayern kam und ihm finanzielle Hilfe anbot. Auch gab es das Angebot einen Psychologen zu beantragen. Damals war jedoch ein strenger Corona-Lockdown, was die Situation erschwerte. Schlussendlich hat der Zeuge selbst den Kontakt zu einem iranischen Psychologen hergestellt, den er gefunden hat. Die größte Hilfe war jedoch seine Ehefrau.

Von den Grünen erfolgte die Nachfrage, ob der Zeuge nie von den Behörden informiert wurde, dass er als Angehöriger auch Rechte habe. Er berichtete daraufhin von einem Treffen mit dem türkischen Konsul in Frankfurt. Von staatlichen Stellen aus Deutschland kam keine Unterstützung. Die AFD-Fraktion wollte wissen, ob der Zeuge von den türkischen Behörden mehr unterstützt wurde, als von den deutschen. Diese Frage bejaht der Bruder des Ermordeten und weist darauf hin, dass vor allem in der ersten Zeit viele türkische Behörden für ihn und seine Familie da waren.

Vom zuständigen Abgeordneten der FPD folgten ebenfalls Fragen zu den Unterstützungsangeboten. Der Zeuge machte deutlich, dass er sich von den bayrischen Behörden besser behandelt gefühlt hatte, nachdem die bayrische Landesopferbeauftragte Kontakt zur Opferberatungsstellen Response und B.U.D. hergestellt habe. Besucht wurden er und seine Familie von DITIB, einmal vom Weißen Ring, der Stadt Hanau und der türkischen Regierung.

Hayrettin Saraçoğlu erklärte, er wolle zu seinem Recht kommen. Auf die Nachfrage des FDP-Politikers Hahn, was er damit meine, erklärte er: »Nun es darf ja nicht so sein, dass ein Mensch so zum Tode kommt, so ermordet wird, das darf ich nicht hinnehmen. Ich und mein Bruder hatten Träume zusammen, jetzt sind seine Träume auch im Grab.«

Außerdem thematisierte der Zeuge den vorangegangenen Umgang mit Shisha Bars: »Sechs Monate hat die AFD immer gesagt, Shisha-Bars seien solche Orte und haben sie zur Tagesordnung gemacht.

Warum hat dieser Mann sich eine Shisha Bar ausgesucht, er hätte auch eine Disco wählen können? Sechs Monate wurden sie zur Zielscheibe gemacht. Was ich sagen möchte, vielleicht gibt es Probleme, aber dass man Menschen und Orte kriminalisiert, dass sie selbst schuld sind, das kann man nicht machen. Wir sind Personen und Individuen, die in diesem Land leben, wir sind Teil dieses Landes.«

Zum Schluss seiner Befragung erfolgte ein eindrücklicher Appell an die Verantwortung des Untersuchungs­ausschusses: »Als Folge des Anschlags habe ich nicht nur meinen Bruder verloren, meine gesamte Existenz ist zerstört, beruflich, sozial, meine Familie ist auseinandergebrochen, psychisch und physisch am Ende. Dieser Untersuchungs­ausschuss soll echte Aufklärung betreiben und Konsequenzen ziehen. Wir alle wissen, Sie können unsere Kinder und Geschwister nicht zurückbringen. Aber das, was wir erleben mussten, soll so nie wieder jemand erleben müssen. Es ist gut, dass wir Angehörigen hier sprechen können, es ist nicht nur unser Problem, es ist das Problem der ganzen BRD, der Ursprung liegt im Rassismus. Rassismus ist das Gift, das Menschlichkeit tötet.«

Nach diesem Appell wies der Ausschussvorsitzende Weiß auch diesen Zeugen auf den neu eingerichteten hessischen Opferhilfefonds hin und bedankte sich für die Schilderungen bei Hayrettin Saraçoğlu.

»Wie konnte man das nicht verhindern? Man hätte es definitiv verhindern können.« – Anhörung von Diana Sokoli

Um 16.10 Uhr begann die Befragung der dritten Zeugin Diana Sokoli, der Lebensgefährtin des am 19. Februar 2020 in Hanau ermordeten Fatih Saraçoğlu. Auch sie nutzte die Möglichkeit, nicht nur Fragen zu beantworten, sondern zu Beginn darüber zu sprechen, was sie sagen möchte:

»Ich komme ursprünglich aus Bayern, genau wie Fatih. Es gab damals Situationen in Bayern, in denen ich mich nicht mehr wohl gefühlt habe als Schwarzkopf.

Fatih hatte an dem Tag ein wichtiges Gespräch in der Arbeit, er wollte noch einen Arbeitskollegen nach Hause fahren. Wir haben gegen halb zehn das letzte Mal miteinander telefoniert, ich habe ihm gesagt der Freund solle sich ein Taxi nehmen. Um 21.52 Uhr habe ich die letzte SMS von ihm bekommen mit dem Inhalt: »Bin gleich zu Hause mein Leben.« Als er nicht kam habe ich ihn angerufen, ich wusste irgendwas stimmt nicht. Ich hatte dann Panik, wurde von einer Frau des Freundes angerufen, sie sagte Fatih wurde angeschossen, komm schnell. Ich bin dann ins Auto gestiegen, habe schon vom Weiten Blaulicht gesehen. Ich habe nur geschrien, dass ich zu meinem Mann will. Doch ich habe keine Infos bekommen, habe geschrien: ‚Bitte ich will zu meinem Mann!‘ Ich wurde dann von einer Polizistin in einen Krankenwagen gebracht, habe ihr ein Foto von Fatih gezeigt, sie hat ihn gesucht und kam dann mit dem Handy wieder. Sie meinte sie können nicht mehr für ihn tun.

Sie wollten mir Medikamente geben, doch ich wollte keine. Ich konnte es nicht glauben. Ich wollte raus aus dem Krankenwagen und ihn suchen, durfte aber nicht. Keiner wusste etwas. Ein paar Stunden später wurde ich in die Psychiatrie gefahren. Ich wollte dort keine Medikamente nehmen, ich musste ja herausfinden was mit Fatih ist. Später wurde ich in eine Halle gefahren, dort sagte man mir, er lebe vielleicht doch noch, sie wissen es nicht. Dann wurden die Namen verlesen, danach weiß ich nichts mehr.

Am nächsten Morgen habe ich Fatihs Bruder angerufen und habe ihm gesagt Fatih sei verletzt. Ich wollte ihn beschützen. Ich wollte es ihm persönlich sagen. Es ging Tage lang, wir haben keine

Informationen bekommen, alle Informationen bekamen wir nur aus den Medien. Nach und nach haben wir uns alle Informationen aus den Medien wie bei einem Puzzle zusammengesucht. Ich habe dann so einen Flyer bekommen mit Opferhilfen, habe bei der Polizei angerufen, die meinten sie geben keine Informationen weiter, weil ich nicht seine Frau bin. Ich habe wissen wollen, wo er ist, in welchem Krankenhaus. Nach vier bis fünf Tagen hat sein Bruder einen Anruf bekommen, wo er liegt, die Obduktion sei fertig. Ich verstehe bis heute eigentlich nicht, was da passiert ist. Ich bin Tag für Tag neben ihm eingeschlafen und dann bekomme ich keine Infos weil ich nicht seine Frau war. Ich bin aus Bayern hierhergekommen, weil ich mich hier sicher fühlte, so was hätte ich mir nicht vorstellen können. In Bayern wäre so etwas nicht passiert. Dieser Mann war ein Nazi. Wie konnte man das nicht verhindern? Man hätte es definitiv verhindern können. Ich sitze jetzt heute hier und hoffe einfach, dass alles rauskommt. Mehr habe ich nicht zu sagen.«

Die anschließende Befragung begann wie üblich mit einigen kurzen Nachfragen durch den Vorsitzenden Weiß, der wie die anderen Obleute im Folgenden auch sein Beileid ausdrückte. Im Anschluss folgte die Befragung durch den Abgeordneten Müller der CDU. Er ließ sich nochmal den genauen zeitlichen Ablauf ihrer Erlebnisse schildern. Die Lebensgefährtin von Fatih erklärte, dass sie mehrere Stunden im Krankenwagen verbracht hatte, bevor man ihr mitteilte dass sie unter Schock stehen würde und man sie in die Klinik bringen müsse deswegen. Sie wollte dies nicht, doch ihr wurde entgegnet, dass man sie in diesem Zustand nicht gehen lassen konnte.

Auch Diana Sokoli wurde nach den Unterstützungsangeboten befragt. Sie war in psychologischer Behandlung, in einer Traumaklinik in Frankfurt. Eine Frau vom Weißen Ring sei einmal gekommen und mit der habe sie gesprochen. Auch ein Polizist war dort, sie hätte sich jedoch gewünscht es hätte nur eine Ansprechperson für sie gegeben, so wusste sie nie wer für was zuständig war. Weiter berichtete sie, dass sie es war die den Vater von Fatih über dessen Tod informierte. Sie kritisierte, dass das nicht ihre Aufgabe gewesen wäre, sie war selbst fix und fertig von den Geschehnissen.

Von der SPD wurde auch sie zur Obduktion von Fatih befragt, wozu sie jedoch keinerlei Informationen hatte. Mit ihrer Anwältin hatte sie Akteneinsicht beantragt, diese wurde allerdings abgelehnt.

Dass die Zeugin als Lebensgefährtin einen unzureichenden Zugang zu Informationen und Unterstützungsangeboten hatte, wurde mehrfach thematisiert. Es waren es vor allem Freund*innen die sie unterstützt haben. Auch durch die Initiative 19. Februar Hanau hat sie viel Hilfe erhalten, die Gespräche mit Leuten die Gleiches erlebt haben, waren sehr wichtig. Die Situation in der Halle, in der die Namen der Ermordeten verkündet wurden, blieb ihr in Erinnerung. Es gab keinerlei seelsorgerischen Beistand, die Namen wurden einfach so, »eiskalt« und ohne Einfühlungsvermögen oder weitere Informationen verlesen. Von behördlicher Seite erfuhr sie erst am dritten Tag, dass ihr Partner unter den Opfern war, sie musste also mehrere Tage mit dieser Ungewissheit leben. Denn sein Name wurde zwar in der Halle genannt, doch in den Medien nicht, das war für sie unerklärlich. Einmal sage man er lebt, einmal er lebt nicht. »Das macht in einem Menschen alles tot«.

Mit dieser Aussage von Diana Sokoli endete die erste öffentliche und unglaublich bewegende Sitzung des Untersuchungs­ausschusses zum Anschlag in Hanau.